Tepito

3 Okt

Auszug aus „Aztekische Stadtguerillapfade“ in der neuen Mixology:“

Willkommen in Tepito, dem „Barrio Bravo“. Das Wilde Viertel. Hier florierten einmal Kunsthandwerk und Schuhhandel. Irgendwann versiegten die Wasserquellen, Gebäude verfielen, Müll wurde abgeladen. Prostituierte und Kriminelle nisteten sich ein. Heute sind die Straßen von Tepito mit unzähligen Ständen vollgerammelt, ein einziger großer Markt, auf dem es alles, wirklich alles zu kaufen gibt. Vom falschen Versace-Hemden bis zum Universitätsdiplom, von Hehler- und Schmuggelware bis zur professionell gebrannten DVD. Darüber der Segen der Santa Muerte, des heiligen Tods, die hier verehrt wird wie nirgends sonst. Razzien kommen und Razzien gehen, Tepito bleibt. Das ganze Treiben und Schwitzen und Reiben der Körper endet bei Einbruch der Dunkelheit, wenn die Ware wieder in alle Richtungen davongekarrt wird und die Straßen schmutzig und aufgebraucht zurück bleiben.

Nachts treiben sich hier die Faulenzer und Schurken rum und schmieden an der schwarzen Legende eines Viertels im Schatten. An einer düsteren Straßenecke steht die Cantina „Puerto de Madrid“. Es ist eine der zahllosen Kneipen von Tepito, die an einem Freitag wie diesem die Arbeiter mit Alkohol nährt; eine auf den ersten Blick verwahrloste, aber dann doch von einer inneren Ordnung zusammen gehaltene Brutstätte des Suffs. Drinnen, an der Bar, stehen zwei Händler und saufen Corona, der Metzger daneben hat noch immer die Schlachterschürze an und aus der Ecke schmettert eine Jukebox heiße Trompetenrhythmen. An den Tischen versaufen Arbeiter in Unterhemden ihren Wochenlohn und mampfen Chips aus der Untertasse. Unter einem speckigen Poster der Jungfrau von Guadalupe sitzt ein kahlköpfiger Kellner und achtelt Limetten.

Ich bestelle beim Reingehen an der Bar einen Tequila Corralejo und setze mich an einen Tisch an der Wand. Im Fernseher unter der Decke läuft Boxen, ein rostiger Ventilator quält sich Runde um Runde durch die verrauchte Luft. Man versteht kein Wort in dem hitzigen spanischen Lärm. Über mir hängen zwei Filztafeln mit den Getränkepreise. Daneben ein Schild mit den Anweisungen zum Verhalten bei Feuer oder Erdbeben.

Der Kellner bringt den Corralejo. Bekannt ist die Marke vor Allem für ihre langgezogene blaue Flasche. Der Tequila selbst ist eher was zum Wegtrinken und Breitsaufen, hat aber ein paar interessante Nuancen. Ein herber Geschmack, der sich erst beim mexikanischen Auspusten manifestiert. Ein feuriges, rasses Aroma, ein wenig Lakritz, es brennt im Gaumen und vor Allem in der Nase… ich neutralisiere alles mit einem Stückchen gesalzener Limette und stelle das Glas auf den speckigen Holztisch. Die Oberfläche des Tequila zuckt im Rhythmus der Jukebox, der Boxkampf tobt, die Säufer johlen. So wird es die ganze Nacht noch weitergehen im „Puerto de Madrid“. Ich lege einen Schein auf den Tisch, gehe zur Tür, an dem kahlen Kellner vorbei, der nun Salzstreuer mit einem Löffel nachfüllt, die Flügeltüren fliegen auf und geben den Blick frei auf die leeren Gassen von Tepito, und auf eine Nacht in Mexiko, die gerade erst begonnen hat.

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4 Antworten to “Tepito”

  1. loonyland Oktober 6, 2012 um 3:47 am #

    Gefällt aber natürlich zu kurz 😉

    • bibbche Oktober 13, 2012 um 5:46 pm #

      Na, Dein Kommentar ist aber auch zu kurz…
      Find es ziemlich rund, was Airen geschrieben hat.

  2. c17h19no3 Oktober 16, 2012 um 1:29 pm #

    ich mag dass, wenn geschichten dort enden, wo etwas beginnt. da sirrt eine ahnung in der luft und entzieht sich ohne zu verpuffen. wie wetterleuchten oder so. und eine ahnung ist sehr oft schöner als das wissen.

  3. katja Oktober 29, 2012 um 2:09 pm #

    nüchtern,klar,lakonisch.dennoch – als wäre man dort. danke.

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