Archiv | September, 2012

Rodeo in Tejalpa

26 Sep

Rodeo-Action in der Stierkampfarena! Um das eingegitterte Areal hat man heute morgen noch schnell zwei Tribünen hochgezogen. Bereits am späten Nachmittag sind fast alle Plätze belegt, das Programm hängt zwar, aber man sitzt gerne und kommt deswegen ein bisschen früher. Es geht los mit zwei Sängern hier aus dem Dorf. Der erste hat es ganz gut drauf und trällert zum Playback frohgemut seine Schnulzen in den Himmel. Der andere versagt. Die meisten schauen verlegen in den zuziehenden Himmel, andere nutzen die Zeit zum Quatschen oder Popcorn kaufen. Als er den vierten Song ansagt, werden die Leute langsam unruhig. Es werden zehn. Am Ende sind die meisten besoffen.

Jetzt: Die Imitatoren. Los geht es mit Paquita La Del Barrio: Die korpulente Ranchera-Sängerin hat in der aufgeblasenen Ledertunte ein angemessenes Ebenbild gefunden. Die tuckt jetzt durch den Staub und stimmt „Rata de dos Patas“ an. Die Lieder von Paquita sind vor allem für Frauen, was daran liegen kann, dass sie vor Allem gegen Männer sind:

„Du schmutzige Ratte, du Kriechtier,
Du Abschaum und Schandfleck
Du Untermensch und Höllengespenst, verdammter Wurm,
Wie viel Schaden du mir angetan hast!

Ungeziefer, Giftschlange
Verschwendung von Leben
Ich hasse und verachte dich!

Du zweibeinige Ratte
Ich rede mit dir!
Denn auch das verdammteste Kriechtier
Sieht gut aus neben dir.“

Zwischen den Tiraden haut die Tunte noch ein paar „Habt ihr gehört, ihr nutzlosen Männer?“ raus an die Crowd. Hätten wir das auch.
Der nächste soll Joan Sebastian nachmachen, fährt also im Pferd vor und gibt dann etwas verstimmt dessen Corridos zum Besten. Es wird dunkel, es donnert, im Hintergrund baut die Band wieder ab. Wird demnächst wohl regnen, wie es aussieht.

Nach Joan Sebastian kommen die Kinderreiter aus Kalifornien. Die beiden Chicanos vollführen Kunststücke auf ihren Pferden und der Moderator lobt die beiden dafür, das mexikanische Brauchtum zu bewahren. Eigentlich sollte jetzt das Showreiten kommen, der Höhepunkt des Festes, seit Stunden reiten sich im Hintergrund die Cowboys warm, seit Wochen war das auf den farbenfrohen Plakaten angekündigt. Dann wäre noch die ganze Nacht lang Live-Musik gewesen… Aber es ist schon jetzt stockdunkel, die drei Farbscheinwerfer der Band können das Showreiten auch nicht mehr retten und so muss man sagen: Scheiße geplant – aber auch so war José mal wieder froh mit Nacho angestoßen zu haben und Doña Bárbara hat mal wieder mit der blutjungen Mari von den Tacos dorados gequatscht und am Ende ziehen sie wieder alle heim über die huckligen Straßen von Tejalpa und stoßen weiter an und tratschen und machen dann ihre privaten Afterhours in den Vorgärten und Hinterhöfen der Gemeinde und sind sich nachher alle einig: Viva México!

Der Morgen des 16. Septembers

22 Sep

Action am Rodeo-Platz! Trompetensound vom Band, Popcorn aus der Tüte, die wilden Cowboys reiten ein: Iiiee – ha! Jetzt wird ne Runde mexikanisch gejodelt, eine Cerveza geköpft und HOCH die Faust, HOCH die Hände, VIVA VIVA MÉXICO!!!
Zum Nationalfeiertag lassen die Mexikaner mal so richtig den Proll raus. Heute herrscht Sombreropflicht, man geht mit O-Bein und Unterhemd, heute wird der Schnauzbart rausgeputzt und richtig Dialekt geredet – viva México cabrones! Seit gestern Abend ist Action im ganzen Viertel. Kleine Kinder zünden Weltkriegsböller, aus jedem Haus kommt Mariachi, die Straßen sind voller Menschen. Totale 3D-Plastik, da mit geschlossenen Augen durchzugehen: Mit jedem Schritt ändert sich das Soundpanorama, von links kommt Banda-Sound, aus dem Eingang rechts Gelächter, ein Taxi fährt vorbei, zwei Lautsprecher auf dem Dach: „Señores und Señoras! Morgen! Das unglaubliche Spektakel! In Tejalpa, Morelos! Der Tag unseres Vaterlandes, Musik, Clowns und Live-Band! In der Stierkampfarena „La A-sun-ción“!“ Weiter hinten lässt ein Knirps ne Bombe hochgehen.

Gestern nacht um elf wurde dann der „Grito de la Independencia“, der Schrei der Unabhängigkeit ausgestoßen, wie in jedem anderen Dorf in Mexiko auch.
Hinterher war Mordsbesäufnis und dann erstmal Ruhe bis heute Vormittag.

***

Da zogen die Chinelos durchs Dorf, eine Spezialität des Bundesstaates Morelos: Grotesk verkleidete Figuren im Ganzkörperkostüm – steife Pappmachégesichter, wilder Tanzschritt -springen wie durchgedreht durch die Straßen, zu einem einfachen aber anstachelnden Tropenrhythmus. Feurig, grimmig,unbezwingbar. Die Blaskapelle zuckelt hinterher, die Trommel hallt, aber ihr Klang verendet ziemlich kläglich in den verwaisten Gassen eines verkaterten Morgens, da hocken jetzt die ganzen restdichten Gestalten ungemein fertig auf vollgespuckten Treppen, hoffen, dass sie Sonne nicht so bald losmacht und gedenken im Restrausch der Unabhängigkeit Mexikos… Hinterher treffen sich alle in der Ayudantia, einem halboffenen Wellblechkomplex, der der Gemeinde gehört, die Band sitzt jetzt auf Plastikstühlen, die Chinelos tanzen auf Zement. Bier und Essen werden gratis ausgeteilt. So übersteht man den Vormittag.

Gegen Nachmittag geht der Trubel am Zócalo los: Hier hat sich die große Menge der Bauern und Händler versammelt, in Stoffhosen, weiten Hemden, Sombrero und Sandalen drängen sie sich um den zentralen Platz des Dorfes. Wladimir Rogelio, der reiche Farmer und Schirmherr des Festes, hat eine Sau gespendet! Frisch rasiert wird das Tier auf den Zócalo geführt. Vor den Augen der johlenden Menge mit Schmalz eingeschmiert. Eine Sau ist Geld wert, jeder will das Vieh haben – noch einmal die Nationalhymne und dann gilt´s: Wer das fettige Schwein erwischt und festhält, kann es behalten. Viva! Viva! Viva México! Und los.

Die Sau schnuppert erst unbekümmert, dann rennt die gesamte Dorfjugend auf das arme Viech los, das Schwein rennt in Panik, entwischt den gierigen Händen, flutscht durch die Arme des Bauern Porfirio, und gibt José einen Bodycheck. Schließlich hält man doch die Sau hoch, das Fest ist im vollen Gange.

(nächstes Mal: die Party Rodeo-Platz mit Video und Text und Überschrift!)

Ein Liter Pulque in Ahuitlapilco

4 Sep

Wir fahren rüber nach Tlaxacala, die Hauptstadt der Staates. Tlaxcala ist ein Ministaat, hier liegen eine Menge Dörfer und Städte auf einem Haufen und kaum kommt man aus dem einen Kaff raus, fährt man schon am Zócalo des nächsten ein. Die Landschaft ist märchenhaft, eine reine, heitere, hügelige Hochebene, saubere Luft, ein Himmel aus dem transparenten Plasma kindheitlicher Urlaubsnachmittage. Bis zur Stadt Tlaxcala im Staat Tlaxcala sind es nur zwanzig Minuten. Wir parken das Auto am Zócalo. Hier in der Hauptstadt schauen die Leute ne Ecke nobler aus, die ganze Stadt macht einen gepflegteren Eindruck. Trotz Sonntag sind kaum Menschen auf den Straßen, der Palacio de Gobierno, der Landtag, ein gut erhaltenes Gebäude aus der Kolonialzeit, ist gerade mit grünen und silbernen und roten Glitzergirlanden geschmückt. Tlaxcala steht sauruhig da und chillt im Sonntagsgewand.

Der Landtag ist offen, in einem Innenhof ist in Wandmalereien die Geschichte dieses verräterischen Staates zu besichtigen – Tlaxcalteken waren es damals, die Hernán Cortez ins Herzen des Reiches der verhassten aztekischen Tyrannen führten – „Und so nahmen Sie Maxtli mit auf den Zócalo der Hauptstadt und rissen ihm das Herz heraus“…, das ist jetzt auch keine 400 Jahre her… aber vor Allem eine extrem reine, ungerübte und ruhige Stimmung. Ein Tor führt weiter hinein, der nächste Innenhof, klar, still, sanft bewachsen, und beinahe übersehe ich das Messingschild in der schattigen Ecke:

„In seiner Funktion
als persönlicher Sekretär
des C. Antonio Hidalgo
wurde hier am 22. Februar 1913
der Reformer José Rumbio
geopfert, Gründer der sozialen
Befreiungsbewegung von 1906“

Eigentlich nicht die schlechteste Option, denke ich, unter diesem ungetrübten Himmel, in diesem schönen Patio, das Ende seines Lebens zu besiegeln… Nochmal hochzublicken an den Bambusstangen, das Glänzen der tiefen mexikanischen Sonne in den Winkeln, diesen kleinen Mikrokosmen wo immer sich die Sonne zart im Kalk verfängt und die Farbe von innen strahlt, dann nochmal zu riechen, nochmal die Temperatur aufder Haut zu fühlen und zwischen diesen kühlen Mauern noch einen letzten Atemzug zu tun.

Zurück auf dem Eingangshof komme ich mit einem Bauarbeiter um die Fünfzig ins Gespräch: „Wir malen den ganzen Laden neu an, alles was hier weiss ist, das waren ich und meine beiden Compañeros“. Zwei rotbäckige Landburschen lächeln dazu. „Wir sind jetzt fertig für heute und gehen nun noch ordentlich einen Pulque zischen“, meint der Alte, zwei Silberzähne blitzen, „komm doch mit hoch nach Ahuitlapilco, ich lad dich ein, jetzt ist Sonntag, Cabrón!“
-„Mal schaun, ob ich meine Frau überreden kann.“, zögere ich, ich persönlich würde mich ja sofort dranhängen und mit denen irgendwo oben in den Bergen Pulque saufen. Aber Lily will sich erst noch die Innenstadt anschauen. Der Bauarbeiter diktiert mir die Adresse.

Wir verlassen den Zócalo und gehen zur Kirche, einem knallgelben verwinkelten Bunker, rundherum ein extrem sauberer gepflasterter Platz, nur hier und da ein Touristenpärchen, zwei Skateboarder, ein Mütterchen. Im Schatten der Ficusbäume sitzen die Schuhputzer und blättern in Boulevardzeitungen. Ich setze mich zu einem Mann auf den Stuhl, dessen linkes Auge so grau und geschwollen aussieht wie ein gekochtes Karpfenauge, auf der Parkbank nebenan sitzt ein ratzedichter Säufer mit einer fast vollen Flasche Glenn Whiskey. Aus meiner Position einen Meter über dem Boden sehe ich zu, wie der zerlumpte Schuhputzer meine Jeans mit einer Spange nach oben klemmt. Dann beginnt er die Lederschuhe zu bearbeiten. Der Säufer nebenan brabbelt von Zeit zu Zeit Unerständliches, „Sohn der Gefickten!“, kann ich heraushören und: „Alles Wichser!“ Dann sinkt er wieder in sich zusammen und dirigiert lahm die Luft des Vorplatzes…

Schuheputzen ist in Mexiko ein richtiges Ritual: Fünf verschiedene Töpfe nimmt sich der Mann: Seife, Tinte, Wachs, Brillo und Politur, bearbeitet meine Schuhe mit Pinseln, Bürsten und Tüchern. Anstatt mich in die Zeitung zu vertiefen, die er mir reicht, frage ich ihn ein bisschen über die Stadt aus, verstehe kaum ein Wort, er erzählt, dass er früher Bauarbeiter gewesen sei, aber seit der Sache mit dem Auge gehe das nicht mehr.
Was ist Ihnen denn da passiert?
„Am Sonntag des 28 Januar 2004 habe ich einen kleinen Stich im Auge gespürt. Dann wurde es immer weniger mit der Sicht, am Ende blieb nur ein kleiner Punkt. Nach viereinhalb Tagen war ich blind.“
„Und was sagt der Augenarzt?“
„Der kann auch nicht sagen was es ist.“
„Sie sollten mal zu nem anderen Arzt gehen…“
„Nein, das ist ein sehr guter Augenarzt.“

Als er fertig ist, glänzen meine Schuhe wie neu, sogar die Sohlen hat er schwarz nachgemalt.
Wir sollten jetzt hochfahren nach Ahuitlapilco, finde ich, und bisschen Pulque trinken.
Der Weg führt uns über der Anhöhen der Stadt, verfallene Kloster, am Horizont steht glasklar der schneebedeckte Gipfel des Pico de Orizaba, desmächtigen Vulkans, der höchste Berg Mexikos.
Wir fahren in das Kaff, suchen eine Weile um die Kirche herum, fragen ein paar Mal, dann geht ein Weg von der Schotterstraße ab und auf einem begrünten Hof sitzt schon der Bauarbeiter von vorhin mit seinen Helfern. Als sie mich sehen werfen sie ihre Tonkrüge in die Höhe.

„Achwas Guero! Dich hätten wir hier nun wirklich nicht mehr hier erwartet!“
Ich bestelle mir auch einen Krug Pulke, ein verhutzeltes Mütterchen rennt aus dem Garten und verschwindet in einem Lehmhaus. Ich setze mich zu den dreien auf den Brunnenrand.

„Schau Guero, hier haben wir was zu essen, bedien dich!“

Ich nehme eine Tortilla, fülle sie mit Spaghetti und haue grüne Salsa drüber. Dann stoßen wir an und ich nippe an meinem Pulke, den mir die Alte gebrach hat. Der schleimige Saft aus vergorenen Agaven ist gewöhnungsbedürftig, denn er schmeckt wirklich so wie alt gewordener Kaktus. Nach zwei, drei Schluck kriegt man´s aber zunehmend runter.
Der Bauarbeiter hat schon ziemlich einen sitzen, die Jungs sind super freundlich. Aus welchem Staat in den USA ich denn komme, fragen sie mich.

„Nein, ich bin kein Gringo“, verteidige ich mich, „Ich komm aus Alemania.“
Da sind sie erstmal ratlos. Der große mit den roten Wangen meint: „Ist das nördlich oder südlich von New York?“
„Nee, das ist in Europa.“
„Achso, da wo die Olympischen Spiele sind.“
„Ja, da ganz in der Nähe.“
„Und findet man dort Arbeit?“
„Ja ich denke das ist einfacher als in den USA, die lassen ja alle rein, als Tourist erstmal.“
„Und was kostet so ein Flug dort wo du sagtest, zu den olympischen Spielen?“

Die sind hier noch nichtmal aus den Bergen von Tlaxacala rausgekommen, merke ich, schon wieder so ein Moment, wo man nicht weiss, ob man´s geil oder traurig finden soll.

Ich trinke den Liter Pulke weg mit denen, dann machen die nochmal Fotos, „Sohn einer gefickten Nähmaschine“, murmelt der Alte während zwei Spaghettis an seinem Unterkiefer pendeln und die Pulkesoße langsam von seinem Ärmel läuft. Ich pack´s dann langsam, meine Frau ist am Stressen, auf den Pulke laden mich die Jungs schließlich sogar ein.