Mixiotes in Tlaxcala

29 Aug

Expedition in den Ministaat Tlaxcala. Eine nächtliche Irrfahrt durch verhuschte Dörfer mit immer schwerer auszusprechenden Namen, mehr und mehr Xe und Zetts und UAs, bis wir halb zwei von der Autobahn mehr oder weniger in einen Feldweg abbogen und das Quartier bei der Schwiegermutter bezogen. Die Nacht war schweinekalt und wir verzogen uns tief unter einen Wall aus fünf Lagen verschieden dicker Decken und Laken.

***

Aufstehen in Tlaxcala. Ich ziehe die Gardine zur Seite, hinterm Haus ein eingemauertes, unbebautes Grundstück, ein halber Hektar vielleicht, ein breiter Streifen mit Mais bepflanzt, dazwischen mannshohe Agaven, sechs knorrige Bäume. Zwei Hühner tucken durchs Gras, eine Katze schleicht herum und auf einem Haufen Kies spielen zwei Kinder. Der Himmel ist klar, ein wunderschöner Sonntagmorgen auf dem Land… wir sollten runter fahren, in die Stadt, Mixiotes frühstücken.

***

Der Markt von Apizaco. Der gleiche Stress wie in jedem mexikanischen Markt: Die Reizüberflutung, das Gedränge, das Werben, die Farben und Gerüche… Aller Welt Früchte und Gemüse an einem Stand, daneben Fisch, Garnelen; vor den kleinen Restaurantes stehen die Kellner und drängen „Pásele, pásele, kommen Sie rein, Barbacoa, Quesadillas, Mixiotes, hier sind sie richtig, gebratenes Fleisch, gewürztes Fleisch, vom Schaf, von der Ziege, pásele, pásele, kommen Sie nur näher“, und drücken den Unentschlossenen ein Tellerchen mit Tortilla und dampfendem Hammelfleisch in die Hand, „Probieren Sie nur! Pásele, por favor!“

Bis wir dann selbst an einem langen Holztisch sitzen und uns ein halbes Kilo Mixiotes auftischen lassen, in Plastiktüten eingewickeltes Hammelfleisch, das so in der Tüte mit roter Salsa im Wasserdampf gedünstet wird. Dazu gibt es Consomé, eine kräftige, fette Hammelbrühe.

Wieder draußen im Gang, der Stress geht wieder los, das Geschrei, das Feilschen und Werben, eine uralte Frau mit zwei weißen Zöpfen schlurft durch die Menge, in jeder Hand ein Plastikeimerchen, und kaum hörbar und vollkommen robotisiert murmelt sie was von „Flan, Pudding, fünf Pesos das Stück“. Es müssen Jahrhunderte sein, die diese Frau auf genau diesen Markt geht und genau diesen Spruch abspult, so ausgeleiert und eingefahren und fast schon tot klingt das. Es ist einer dieser Momente, wo man nicht weiss, ob man´s geil finden soll oder traurig. Davon gibt´s ne Menge in Mexiko.

***

Apizaco Zentrum. Niedrige Häuser, Clowns auf den Straßen, der Laden mit Perfumes europeos. Ich geh so neben Lily und zieh mir wieder mal diese absurde Städtearchitektur rein, die jede mexikanische Stadt zu einem bizarren Märchenpark macht: Der moderne Palast neben der alten Baracke, das Kolonialhaus neben der Fachwerkdatscha, das Glasbüro neben einem… ja was ist das eigentlich? – ein russischer Kreml, die Hütte der Baba Yaga, ein Lebkuchenhaus? Abgefahren jedenfalls. „Diese absolute Nichtplanung macht ja aber auch total den Charme von Mexiko aus“, sage ich zu Lily, „nicht so wie bei uns, wo ganze Häuser abgerissen werden, nur weil sie 20 cm zu hoch sind. Mexiko ist Chaos und Chaos ist schön. Äh, was wollte ich nochmal sagen… Achso, ganz schön hässlich sind die hier.“

Etwas, das wirklich auffällt. In Cuernavaca steht manchmal in jeder Himmelsrichtung eine Göttin, hier in Apizaco sind die Frauen grob gebaut, mit breiten Gesichter und Hakennasen… fett sind sie auch. Wir haben mittlerweile den Zócalo erreicht, die Wolken zum Greifen nahe, es ist wieder das gleiche Design wie in jedem mexikanischen Stadtzentrum: Da ist die Kirche, der Palacio Municipal, das Bürgermeisterhaus, davor der kleine Stadtpark, der normalerweise Parque Alameda heisst, so wie die wichtigsten Verkehrsadern jeder mexikanischen Groß- oder Kleinstadt Avenida Insurgentes und Reforma heißen – der Park wieder landschaftsgärtnerisch durchdesigned, mit zu Kugeln oder Kuben zurechtgestutzten Büschen, von diagonalen Wegen durchzogen, in der Mitte der „Kiosk“, ein erhöhter Pavillon, auf dem nachts kleine Blasorchester aufspielen… Jetzt sitzt nur ein Sonnenbrillenmann mit Gitarre auf einer Parkbank (auch wieder exakt die gleiche verschnörkelte, grün angemalte Parkbank wie in ganz Mexiko), und lässt lässige Sonntagsmusik aus seinem Verstärker.

Dokumentiert gehört eigentlich auch noch dieses öffentliche Klo, wo die Kabinentür genau mit der Kloschüssel abschließt, wo nicht mal der gelenkigste Yogi zu scheißen wüsste. Ich lasse dann die Tür auf, in der Nebenkabine sitzt eh ein Blinder. Nachher führe ich ihn wieder auf den Zócalo hinaus.

Die Kirche sieht aus wie eine unverputzte Megabaracke, drinnen ist grad Messe, ein paar hundert Leute langweilen sich auf den Bänken, die Hälfte pennt schon. Neben der Bühne lehnt ein Bauer mit Sombrero und Sandalen, Lily nimmt unseren Sohn in ein Seitenschiff, in einem Glassarg liegt ein grausam zugerichteteter Jesus, Diego heult fast und ich so: „Nee, der hat sich nur wie ein Clown angemalt“, aber nein, das ist ja Diosito, der für unsere Sünden gestorben ist, fuck… Die Kirche hat mich irgendwie abgeturnt. Lasst uns rüberfahren nach Tlaxcala, die Hauptstadt des kleinsten Staates Mexikos.

Advertisements

4 Antworten to “Mixiotes in Tlaxcala”

  1. brammbus September 2, 2012 um 4:46 am #

    oh ja ,eein schöner ausflug,ich jetz hätte mir gut vorstellen können das du glücklich sein

  2. Andreas Teichmann September 4, 2012 um 11:39 am #

    den Leuten dort geht es i. a. schlecht und es gibt keine überzeugende Idee wie sich das bessern könnte,obwohl Mexico Rohstoffe besitzt.Wenn man nicht in einer Hotelanlage für Turis abhängt ,ist das Land nicht euphorisierend.

    • airen September 4, 2012 um 10:08 pm #

      Nein, das ist gottseidank überhaupt nicht richtig, gerade auf dem Land, bei der ärmeren Bevölkerung habe ich das Leben immer als besonders sorglos und,wenn Sie wollen, euphorisierend wahrgenommen!

      • Andreas Teichmann September 5, 2012 um 10:33 am #

        tuteamos-por favor.Danke für die Antwort.Du kennst Mexico besser – aber mir kam die Sorglosigkeit als Perspektivlosigkeit vor und das war angesichts der Allgegenwärtigkeit von Gewalt und Korruption auch verständlich.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: