Archiv | Juli, 2012

Die Fiesta des Señor Santiago Apóstol in Jiutepec

26 Jul

Eine wilde Schiesserei, Explosionen blitzen silbern am Mittagshimmel, eine halbe Sekunde bevor man sie hört. Menschen strömen aus der Kirche, Rancheros in Sombrero, Leinenhose und Cowboystiefeln, alte Frauen auf Krücken, die Jungs in Jeans und T-Shirt, Mädchen in Shorts oder kurzem Rock. Zwei Nonnen stehen am Wegesrand und verkaufen Marmorkuchen.
Auf dem Platz vor der Kirche wüten halbnackte Indianer auf ihren Trommeln, die Felle beben, richtig behaarte Tierfelle sind das, alle drehen sich im Kreis, ein Mann bläst auf einer Muschel, der Häuptling rennt wie von der Tarantel gestochen um ihn herum, all das am Fuß des Castillos, dem 15 Meter hohen Holzgerüst, das heute abend brennen soll. Sie tragen farbenprächtige Westen, Kränze aus Fasanenfedern, an den Fußgelenken rascheln Muschelbänder. Männer und Frauen, Kinder und Alte, unter den immer schnelleren Rhythmen der Trommeln tanzen sie sich in der Hitze der Mittagssonne in Trance.
In ihrer Mitte stehen drei Frauen. Sie halten Wimpel hoch, auf einem die Jungfrau von Guadalupe, auf dem nächsten eine indianische Gottheit und auf dem dritten ein Konterfei des Señor Santiago Apóstol.

Santiago Apóstol, oder Jakobus der Ältere, war einer der zwölf Apostel Jesu. Herodes machte in zum ersten christliche Martyr, sein Leichnam soll mit einem Schiff ohne Besatzung auf´s offene Meer hinausgeschickt worden sein. Es kam der Legende nach an der Küste von Gallizien an, von wo aus die Spanier den Körper ins Landesinnere schafften. Über seinem Grabmal errichtete man eine Kapelle, um die herum dann der berühmte Pilgerort Santiago de Compostella entstand.
In Mexiko ist Santiago Apóstol auch als Matamoros bekannt. Man kann das wohl guten Gewissens als „Negerkiller“ übersetzen. Die spanischen Eroberer wählten ihn zu ihrem Schutzheiligen, der ihnen im Kampf gegen die dunkelhäutigen Indios beistehen sollte. Heute betrachtet man den Heiligen als einen Kämpfer gegen Satan und seine Dämonen.

Zwei Indianerinnen in weißen Kleidern knien auf dem Boden, um eine Schale mit Weihrauch zu entzünden. Die Musik wird leiser. Nun dringt die andere Band durch, denn hier im Garten vor der Kirche gibt es noch einen anderen Floor – nur ein paar Schritte weiter schmettert eine Blaskapelle knalligen Banda-Sound in die Menge, alle in Uniform, ein Dutzend blaugekleideter Herren mit schwarzen Cowboyhüten, ein Tuba blitzt in der Sonne, die Bassdrum rumort, und der Sänger feuert das Publikum an. Es sind moderne Schlager aus dem mexikanischen Radio.
Die Indianer bilden währenddessen einen Kreis, gehen drei Schritte, drehen sich um, dann bewegt sich ihr Kreis in die andere Richtung.

Noch immer drängen Menschen aus der Kirche. Drinnen eine lange Schlange von der letzten Bank bis zum Altar. Gelangweilte Jugend, stoische Männer und hutzlige Frauen schieben sich Zentimeter um Zentimeter vorwärts. Von der Decke hängen lange Stofflaken in Ocker und Karminrot. Neben dem Altar steht eine Pferdeskulptur, darauf der Apostel Jakobus, das Kreuz in der einen, das Schwert in der anderen Hand. Die Gläubigen berühren einer nach dem anderen die Hufen, reiben Zettel mit Wünschen an der Brust des Pferdes, bekreuzigen sich. Die Jüngeren nehmen von Nahem noch ein Handyfoto. Dann gehen sie zurück, vorbei an dutzenden Blumengestecken, einem bunten Meer, das von der Bühne quillt.

Die dunkelhäutigen Menschen von Jiutepec, der Matamoros, die Nonnen, es ist schon etwas verwirrend. Wenn sich die Trommeln der Indianer mit der Popmusik der Banda-Gruppe vermengen und in den alten Gemäuern der franziskanischen Kirche wiederhallen, wenn sich die Fäden der Geschichte zu verheddern drohen und dann doch den kräftigen Strang einer ausgelassenen mexikanischen Fiesta spinnen, dann versteht man ein bisschen mehr, was dieses bunte Volk zusammen hält.

Tianguis

20 Jul

Tianguis (Wochenmarkt) en la Calle Canoas, Colonia Paraíso en Tejalpa, Estado de Morelos, México

Es ist Donnerstag und die Scharlatane mit dem Lautsprecherwagen stehen wieder am Eingang zum Wochenmarkt, „Neurobion!“, schreien sie noch dem zerlumptetsten Indio hinterher, „Wenn der Schreiner nicht schlafen kann, wenn das Kind nicht lernt!“
Ein Tuch der Jungfrau von Guadalupe beiseite gewischt und schon stehe ich im Urwald des Tianguis, farbige Planen beugen das Licht in bunte Schatten, ein Meer von Büstenhaltern, eine Wand aus Versace-Shirts, der Himmel hängt voller Unterhosen.
Aus dem ganzen Umland sind sie gekommen, die Landarbeiter, Schnellküchen und 2nd-Hand-Händler…  Für die Bauern heisst das Tuch ausgelegt, Haufen Mais drübergeschüttet und los, in schäbigen Latschen kauern sie nun neben ihrer kargen Wochenernte, daneben der Gemüsehändler, saftige Granatäpfel im Angebot, knallige Mangos und tütenweise Weintrauben, was die Erde alles so hergibt; und mit einem gefiederten Stab fuchtelt ne dicke Mamacita die Fliegen vom Obst.
Action am Fischstand: Pickel bohren sich ins Eis, Blut tropft von den Schürzen, Krebse zerfallen unter der Machete, ein Tintenfisch fliegt auf die Waage. Eine dicke Mutter zieht ihre acht Kinder weg, Mädchen lutschen am Eis, Straßenhunde lecken die Reste vom Rinnstein und am Uhrenstand klingeln die Wecker.
Weiter, nächster Stand. Schubkarren mit Avocados, gestapelte Wischeimer, Spiegel blitzen, dann Heuschrecken, daneben verramschen sie Handytaschen, und Neonleggings spannen sich über Plastikärsche. Mitten im Weg der Honigkarren, der Naturheiler mit Fläschchen voller Skorpionsalbe, Schneckencreme und Pilzextrakten, beim Blumenhändler stehen sie Schlange und der Plastikschmuck geht weg wie nichts.
„Sechs Tüten für zehn Pesos!“ singt eine Frau in die Menge. „Pásele, kommen Sie näher“, bei den Tacos. „Du schuldest mir zwanzig!“  ruft der Mann mit dem Tintenfisch, „Probieren Sie, probieren Sie!“, erwidert der Honigverkäufer. Es ist ein riesiger Haufen an Plastik und Marken und den Früchten dieser heißen Erde, ein Strudel und Wirbelsturm des Konsums und inmitten des Stroms der Menschen dreht sich ein Mann mit Knoblauchzehen in den Händen und schreit: „Für 10 Pesooooos!!!“ bis die Luft unter den Planen zittert. Ein Clown sprüht Seifenblasen in die drückende Hitze, ein dicker Cowboy latscht in FlipFlops durch die Gänge, Mütter halten ihre Babies im Arm und von den Boxen der Raubkopierer drücken die Bässe. Ein Lachen, Schreien, Werben und Handeln rundherum ist das und es vibriert, ja, das ist Leben, und ja, das ist Feuer, und dann raus.

Und Durchatmen.

Tepoztlán – 2

13 Jul

Im Tal von Tepoztlán, einer grünenden und heute dicht besiedelten Hochebene auf 1700 Metern, gedieh einst die Kultur der Tolteken. Im letzten Jahrhundert hat sich das Städtchen am Fuße der Gipfel zu einem Rückzugsort für Künstler und Gutbetuchte entwickelt. Einige fühlen sich von der Ruhe und Abgeschiedenheit des Ortes angezogen, andere von dessen inspirativen Aura. Und oben auf einem Berggipfel steht auch noch eine Pyramide, nahe der gelegentlich UFOs gesichtet werden.
Tepoztlán trägt den Titel „Pueblo mágico“, magisches Dorf, eine Auszeichnung, die nur rund 50 Orte in Mexiko tragen.

Vor der Reifenwerkstatt am Ortseingang sitzen zwei Männer mit Sombrero und kauen auf Grashalmen. Ziemlich gechillte Uhrzeit, ziemlich gechilltes Dorf. Der Bus ruckelt vorbei und setzt mich am Marktplatz von Tepoztlán ab.
Dort sind die Stände aufgereiht, stellen den üblichen Ramsch aus, der eben in so alternativen Touristenorten angeboten wird – die Heilige Hippie-Dreieinigkeit aus Batiktuch, Windspiel und Traumfänger weht da vor einem „Hotel Tantra“, während Beatlesmelodien auf Panflöte über die Köpfe steigen. Gleich daneben ein Atellier für Aurafotografie. Ich laufe über das steile Kopfsteinpflaster und kaufe nichts.

Mitten im Markt ragt aus den Ständen ein Tor, das mit einem Mosaik aus bunten Pflanzensamen verziert ist – geht man hindurch, öffnet sich der weite Garten der Parroquia de la Natividad. Die Kirche steht kühl und grau und verwittert in dieser spärlich bepflanzten Oase der Ruhe. Viel Platz, Ruhe  und frische Luft auf einmal, nach dem ganzen Gedränge.
Es ist etwas Seltsames an diesen Kirchen im Hochland von Mexiko, hier ergänzen sich  die Höhe und die Ruhe in ihrer Klarheit. Es sind schöne, lichte Kirchen, in denen man sich gerne aufhält. Die Parroquia de la Natividad ist von innen eine sehr moderne Kirche, fast protestantisch im Design, nagelneue Holzbänke, ein strahlender, innerlicher Glanz. Es ist der Ort, wo man das Gefühl hat, Tepoztlán verschwinde in den Wolken.

Ich gehe weiter Richtung Pyramide, Schilder am Straßenrand weisen mir den Weg. Das Pflaster ist steil und schief, Hühner tucken zwischen den geparkten Autos, in einer Wäscherei singt eine Frau laut ein Lied aus dem Radio mit. Die Häuser sind hier nicht höher als ein oder zwei Stockwerke und weit oben kann man schon die Pyramide ausmachen, die auf einem steilen Felsvorsprung steht. In diesen Nebenstraßen von Tepoztlán potentiert sich die Ruhe der Höhe mit der Stille der Hitze. Tepoztlán ist sowas wie die Schweiz Mexikos: wohlhabend, sauber, langsam. Schon verständlich, warum hier die aztekischen Könige ihr Winterquartier aufschlugen.
Nähert man sich dem Aufstieg zum Berg, nehmen wieder die Stände mit mit Tinnef zu. Neben Holzfiguren und T-Shirts wird auch Alk in rohen Mengen angeboten: Rum, Tequila, Bier, Micheladas… wohl eher für die, die unten warten.
Denn schon zwei Kurven später zieht der Weg steil bergan, anfangs sind es noch Treppen, aber schon bald finde ich mich auf rutschigen Steinen wieder, auf abschüssigen Geröllfeldern, alles machbar aber. Nach zehn Minuten bin ich nassgeschwitzt. Wenn schweigsame, unrasierte Hippie-Mädel entgegenkommen, tippe ich sofort auf deutsch. Die Amis erkennt man ja schon drei Kurven vorher an den „awsome“-Schreien. Paar Mexikaner sind auch unterwegs. Aber die meiste Zeit bin ich alleine auf dem Weg. Einmal steht ein Oso hormiguero neben dem Weg, ein mexikanischer Nasenbär, und sucht  etwas im Gebüsch. Eine knappe Stunde dauert der Aufstieg, dann ein paar steile Treppen, dann: Die Sicht.

Nicht nur das Tal von Tepoztlán übersieht man von hier, nicht nur bis Yautepec geht die Sicht, vorne ist auch Cuernavaca, links Puebla, weiter hinten der Popocatépetl und auch die kleineren Vulkane von Morelos stechen aus der Ebene. Ein paar geschaffte Mexikaner leeren ihre Lunchtüten, Ameisenbären mit Chip im Ohr scharwänzeln um die Beine der Besucher. Und hinten steht dann die Pyramide, der Tepozteco. Eigentlich ist das Ding nur fünfzehn Meter hoch, wahrscheinlich die kleinste Pyramide im Staat Morelos, aber die Lage, die Lage…
Auf dem Plateau mach ich mir mein Bierchen auf und blinzel in die Sonne, sehe über die weite Ebene, wahrscheinlich über den halben Staat und bis nach Guerrero hinein. Hinter mir liegt ein Pärchen und meditiert. Sieht man die Bergkette entlang, erkennt man die Autos, die sich über die Carretera Mexiko -Cuernavaca wälzen. Ein bisschen so, wie wenn man vom Wendelstein auf die A8 am Irschenberg schaut. Ich lehne an der Pyramide, beobachte die Adler, die über dem Tal kreisen, nehm einen Schluck Corona. Immer wieder kommen und gehen Leute, es ist das ständige gegenseitig-sich-fotografieren-müssen, so nehmen sie dann alle das gleiche Foto mit vom Tepozteco und hauen es auf ihre Facebook-Wall. Frag mich, wie die da hinten meditieren können. Später stehen die beiden auf, und er quatscht mich an, ich denk sofort: Er schwul, sie Lesbe. Wie sich herausstellt, haben die beiden auch gar nicht meditiert, sondern nur die Energie des Ortes in sich aufgesaugt. Der Typ eben so ein Lederkäppi-Schwuler, die Tussi riesen Raubtierzähne und kurze Haare. Laden mich direkt zum Essen unten ein, und ich find sie ja auch interessant. Auf den Korkbaum beim Abstieg gehen die beiden total ab:
„JA, das ist ja wundervoll liebreizend, unglaublich!“, steigert er sich rein, und sie sekundiert: „Oh ja, wirklich, wie hinreißend, wie ästhetisch!“. -„Nein, es ist ja eigentlich sehr schlicht eigentlich.“, relativiert er dann, und sie „Ja! JA! Sehr, sehr schlicht! Einfach, aber entzückend.“
Ich geh mit den beiden den Weg wieder runter, wie sich herausstellt ist er Prof an einer Uni in Dallas und sie hat reich geerbt. Den ganzen Abgang runter werden natürlich noch tausend  vortreffliche und reizende Sachen im Gebüsch ausgemacht, bis wir in einem guten Restaurant nahe der Kirche sitzen, Innenhof, Jazzmusik, gepflegter Garten, sehr schweres Essen. Die Tussi war gerade erst in Berlin, erzählt sie. Eigentlich ganz nette Leute, aber ich bestelle mir lieber ein Bier und dann noch eins, um mich nicht ganz so fremd zu fühlen.

Denn Bus zurück verpasse ich. Eine halbe Stunde stehe ich an der Ausfallstraße. Lehne an der Lehmmauer, ein Bauer mit Sombrero stellt sich neben mich, dann kommen zwei Indias.. bis der Hippie mit dem Xylophon kommt. Ein Güero, ein Weißer, Ami vielleicht oder Kanadier, die Haare seit den 70ern nicht mehr geschnitten, weißer Cowboyhut, dicke Sonnenbrille. Um seinen Hals hängt ein neonfarbenes Xylophon, er macht ein paar Schritte voran, ein paar zurück… dann spielt er die Ode auf die Freude und seine Melodien tänzeln mit ihm über das Kopfsteinpflaster.
Es gibt doch immer einen Grund, warum sich gewisse Orte zu einem Mekka für Aussteiger und Alternative entwickeln. Die Anjunas und Gomeras dieser Welt, irgendwie liegt etwas hinter diesen Orten, hinter dem augenfälligen Hippie- und Eso-Kitsch.
Die UFO-Freaks und Blumenkinder, die Edelschwulen und Agenturtussis, der Xylophon-Hippie und der Exil-Blogger, sie alle finden an diesem Ort etwas, das man vielleicht doch nur mit Magie beschreiben kann. Ein Pueblo mágico.

Tepoztlán

9 Jul

Vormittags um zehn in Yautepec. Kleines Kaff  am Fuß der Berge. Mildes Lüftchen, gechilltes Dorf – diese Art von Ruhe, in der sich Schmetterlinge wohl fühlen. Im Busbahnhof von Yautepec steht ein Bus. Platz wäre für zwei. Auf der Wartebank sitzen ein paar alte Männer. Der Bus nach Tepoztlán fährt in zehn Minuten. Zeit für ein Expressbier in der einzigen Kneipe in Sichtweite, der heruntergekommenen Schwulenbar gleich nebenan. Die Gegend um die Busstation scheint so was wie das Bahnhofsviertel von Yautepec zu sein.
Ich wische den Vorhang beiseite und betrete den leeren Laden. Eine verlebte, fette Tunte mit Zopf mobbt den Boden. Bei ihr bestell ich ein Corona und trinke gleich im Stehen aus. Dann krieg ich brainfreeze, dann muss ich pissen. Ich geh an den Tischen vorbei, auf denen die Stühle gestapelt sind und steige drei kleine Treppen an der Wand hoch. Ein Loch in der Wand, von einem Vorhang verhangen. Ich ziehe den Vorhang zur Seite und stehe direkt vor einem gekachelten Pissbecken. Das Klo.
Wieder zurück auf dem Busbahnhof. Der klapprige Bus glänzt in der Sonne. Nach und nach trotten die Passagiere an, manche grüßen sich, „Hallo, Frau Nachbarin!“, tippen an den Sombrero, setzen sich auf die Wartebank. Der Busfahrer lässt den Motor pünktlich an und macht die Tür auf.  Schlange, reinzwängen. Zwei Minuten vor Abfahrt kommt das halbe Dorf angetrottet.  Am Ende ist der Bus zur Hälfte besetzt.
Von Yautepec zuckeln wir über weite Felder, hier ein Häuschen, da eine Scheune, mal überholen wir einen Traktor, mal einen Reiter mit Sombrero. Von den Feldern weht der Kuhdung. Wir fahren direkt auf diese grünbewachsene Bergkette zu, darüber der klare Himmel. Angenehmes Sommerwetter. Die Türen lässt der Fahrer offen.


Wir kommen in die Berge, steile Canyons ragen in den Himmel, rotes Gestein und dichtes Blattwerk, der Bus schraubt sich mühsam in die Höhe. Saftige, fruchtbare Erde ist das hier, alles grünt und gedeiht und wächst und stoffwechselt. Bei den kleinen Siedlungen steigen Menschen aus und zu, mit Maiskolben beladene Pick-Ups überholen uns, dann vorbei an einer Schule – ein Haus, ein Zimmer eigentlich nur – dann eine Gärtnerei und ein Freiluftshop mit Blumentöpfen –  und dann am Ortseingang von Tepoztlán rein.

Banda el Recodo

1 Jul

Der Platz vor dem Palacio de Cortés platzt aus allen Nähten. Hinten das alte Schloss, 500 Jahre alte Brocken in der Mauer, vorne unzählige Menschen, die in einem enormen Halbkreis auf der Straße stehen, dann auf der Anhöhe den Park hinauf, im ganzen Park dahinter und in allen Häusern und auf allen Balkonen rundherum.  Es müssen Zehntausende sein. Auf den Straßen vier Blocks vom Zentrum geht gar nichts mehr. Inmitten dieses Chaos: La Banda El Recodo.
Ein 12-köpfiges Blasorchster mit der Rückendeckung einer wildgewordenen Schlagzeug- und Percussionsection. 1938 gegründet, 180 Alben rausgebracht. Mexikanisches Nationalgut. Jeder auf dem Platz kann ihre Lieder mitsingen.
Heute spielt die Banda El Recodo live und umsonst auf dem zentralen Stadtplatz von Cuernavaca. Cuernavaca ist ein ruhiges Städtchen nur 80 KM vor Mexiko Stadt, gern besucht von in- und ausländischen Touristen, der Rückzugsort für mexikanische Celebrities und auch ein Hort ausländischer Studenten, die an einer der Unis studieren. Cuernavaca trägt den Beinamen „Die Stadt des ewigen Frühlings“, und auch heute ist es trotz der einsetzenden Regenzeit einfach nur ein weiterer Abend mit angenehm vorsommerlichen Wetter. Und vorne explodiert die Banda:
„Wo sind die jungen Mädchen, die Singles, die Locas?“, schreit der Sänger ins Mikrophon, während im Hintergrund die Congas rumoren, „Wo sind die Chicas, die mit der Banda el Recodo tanzen möchten?“
Mit jeder Frage werden die Schreie lauter. Zócalo und Stadtpark sind voll gepackt, die Musik setzt ein, Rhythmen prallen von den dicken Mauern des Schlosses ab. Die Luft flimmert im Abendrot. Es ist ein knatternder Strand-Sound, bei dem die Höhen voll aufgedreht sind.


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Gratiskonzerte haben Tradition in Mexiko. Während Justin Bieber oder Britney Spears den Zócalo von Mexiko Stadt beschallen, durfte das gestern Joan Sebastián in Jiutepec (verpennt) oder heute die Banda el Recodo in Cuernavaca tun.
Als gestern Joan Sebastian den Dorfplatz von Jiutepec bespielen sollte, sammelten sich in meinem Dorf, Tejalpa, die Fans bereits am späten Nachmittag vor dem Rathaus. Vierzig Pferde standen dort geschmückt und aufgezäumt, so erzählte es man sich heute morgen. Joan Sebastián, der passionierte Ranchero, sollte die Pferde sogar selbst mitgebracht haben. Um sechs Uhr machte sich die ganze Kolonne auf den Weg nach Jiutepec. Hinterher lief die halbe Ortschaft, voraus der Fruchtverkäufer Hipólito mit seiner Schubkarre. Gute fünf Kilometer waren das, von Haus zu Haus schlossen sich die Leute an, am Straßenrand die bunt gepinselten Annoncen „Joan Sebastian, 26 de junio, Jiutepec“, bis dann um am frühen Abend eine bunte Menge am Zocalo von Jiutepec eintraf. Als ich ankam war das Konzert leider schon vorbei, und ich machte mich mit Hipólito auf den Weg zurück nach Tejalpa.
***

Hier im Zentrum von Cuernavaca geht es jetzt weniger rustikal zu. Die Banda el Recodo, das sind mexikanische Superstars, auf deren Sound sich vier Generationen Zuhörer beziehen können.  Die meisten stehen eng und fest auf ihren ergatterten Plätzen und in den Zwischenräumen ziehen Männer mit Bauchläden mit Kaugummis und Bananchips ihre Runden.
Weiter vorne, wo man direkte Sicht auf die Bühne hat, herrscht Handy-Alarm. Alle Kameras sind gezückt, vom Zapata-Denkmal glitzert das Blitzlicht, Action auf dem Fan-Baum… sie sitzen auf Stromkästen und stehen auf Bänken und sehen zum ersten Mal, was sie seit Generationen gehört haben.
„Arriba las mujeres!“, ein Hoch auf die Frauen, und wieder brandet ein Kreischen aus der Menge. Der schleppende Rhythmus der Blaskappelle wirkt sich von Reihe zu Reihe fort. Bis der Tanzrhythmus auch dort anschlägt, wo man nur noch die Leinwand sehen kann.
Der Stadtplatz dahinter ist voll. Die meisten Leute sehen aus, als wären sie erst vor ein paar Momenten von der Nachricht des Gratiskonzerts überrascht worden, und so stehen sie nun da, in Arbeits- und Alltagsklamotten, die Verkäufer und Arbeiter und die gegeelten Chicos und ihre perfümierten Chicas. Leute kauen an Maiskolben, Mütter stillen, Frauen telefonieren, schminken sich. Ein Mann lehnt in Schlachterschürze an einer Bank. Am Rand, auf den Mauern und Bepflanzungen, sitzen die Alten, Lahmen und Dicken. Vorne auf der Bühne explodiert jetzt die Show, Waldhorn, Tuba und Klarinette feuern sich gegenseitig an, die Musik schwingt sich in immer ekstatischere Höhen, Böller knallen, Feuerwerk explodiert im Himmel, Konfetti regnet auf die Menge.
Das ist der letzte Song, merke ich, und bevor sich die ganze Masse in Bewegung setzt drängel ich mich raus, über vollgemüllte Wege und die breitgetretenen Frühlingszwiebeln in den Rabatten. Die Restaurierung des Parks wird mindestens halb so viel kosten wie die Band. Aber fuck it, die Banda el Recodo hat man nicht jeden Tag im Haus!